Inselhopping

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Aus dem Tagebuch einer Aktivistin / Inselhopping

München, am Samstag den 04.01.2020

Liebes Tagebuch,

Jedes Jahr darf ich mir aussuchen, welches Fest ich bei meinen Eltern verbringe. Dieses Jahr ist Weihnachten dran. Weihnachten auf dem Dorf in Oberbayern. Wie toll!

Weil ich selten zu Hause bin, bekomme ich nur wenig Ausgang von der Mutter. Eineinhalb Stunden am Tag darf ich, weil ich nach Weihnachten ein paar Texte abgeben muss und zu Hause wirklich nicht arbeiten kann. Eineinhalb Stunden im Café auf dem Dorfplatz. Wenigstens etwas.

Feiertage auf dem Land? Adieu angepeilte CO2 Neutralität!

Warum? Hier fährt man jeden Meter mit dem Auto. Mama wohnt in einem Dorf, Papa im nächsten und meine Schwester im übernächsten. Zwischen allen Dörfern liegen zehn Kilometer Strecke, der ÖPNV ist quasi nicht existent und so wachse ich, sobald ich Heimatboden betrete, mit Mamas Auto zusammen. Ich fahre alles, auch die paar Meter zum Café Wolpertinger. Ist eh schon wurscht! Die Welt geht unter, aber doch nicht bei uns auf dem Dorf! 

Ich will schreiben, aber die Leute kennen mich

… und kaum habe ich mir einen Absatz aus den Hirnwindungen gedrechselt, schauen alte Freunde an meinem Tisch vorbei: Barbara und Hannes. Wir kennen uns seit dem Kindergarten. Ich habe das Dorf verlassen, sie sind geblieben und haben geheiratet. Romantisch!

Die Arbeit kann ich vergessen.

Ich werde auf Weinschorle eingeladen und wir unterhalten uns gepflegt über – hab‘ ich das Thema aufgebracht? – den Klimawandel. Hannes und Barbara sind gegen Elektroautos. Eh klar! Die armen Kinder im Kongo.
Ich denke: „JoAnn, sitz nicht rum wie ein hypnotisierter Hase! Widersprich gefälligst!“ – Aber ich kriege nichts raus.

Barbaras Mutter hat sich ein e-Fahrrad gekauft.

„War teuer“, sagt Barbara. „Aber jetzt ist die Mama super mobil!“
„Aha! Da sind die Kinder im Kongo auf einmal wurscht!“ Das denke ich aber nur, weil ich eine feige Tomate bin. Ich werde in der Hölle schmoren!

Barbara tippt auf ihrem Handy – ohne Pause.

Sie muss Weihnachtsgrüße an alle Verwandten im Umkreis schicken. Die Kinder im Kongo sind kein Thema mehr.
Ich wünsche mich auf eine einsame Insel.
Wobei: In der heutigen Zeit? – Tsunamis, Überschwemmungen, Untergang!
Wo kann ich nur hin? Auf den Mars?

Überraschung! Sind Barbara und Hannes verkappte Grüne?

Hannes erzählt, der frühere SPD-Bürgermeister habe einen Bauernmarkt einrichten wollen – jeden Freitag. „Da hat er auch recht“, sagt Hannes. „Bei uns in Oberbayern haben wir das schönste Obst, das herrlichste Gemüse und das beste Fleisch von glücklichen Kühen. Kein Wunder bei dem tollen Wetter!“ – „Naja, und was soll ich dir sagen, Jo-Jo?“, ruft Barbara. (Sie sagt Jo-Jo zu mir, seit wir uns kennen. Wir sind ziemlich eng). „Es ist Freitag geworden und keiner ist gekommen, um was zu verkaufen. Wenn ein SPDler ruft, kommt doch kein Bauer gesprungen!“

Babsi kann kritisch denken? – Nein, doch nicht!

Sie springt zum nächsten Thema. „Stell dir vor, Jo-Jo!“, sagt sie selig. „Der Hannes und ich fliegen bald in den Urlaub! Nach Thailand!“
Mein Lächeln friert fest. „Bitte Babsi, hör‘ auf zu reden!“, denke ich. (Ich nenne sie Babsi, seit wir uns kennen. Wir sind ziemlich eng).
Aber Babsi redet weiter, nein sie jubelt: Sie machen Inselhopping in Thailand. Mit noch ein paar Flugzeugen! Hurraa! Sowas darf man sich einmal im Jahr schon mal gönnen.

Ich weine gleich!

Meine Mutter sagt ja gern, dass ich so streitsüchtig bin, und ich will es mir nicht beim ersten Treffen seit Jahren mit Barbara verscherzen. Barbara legt nach: „Und am Schluss machen wir eine Kreuzfahrt! Als Sahnehäubchen!“

Es kann nicht anders sein: Der Teufel testet mich!

Warum muss es denn eine Kreuzfahrt sein? Du kannst mich mal, Babsi denke ich. Aber alles, was ich rauskriege, ist: „Ich muss nach Hause. Die Mama wartet!“

Wir verabschieden uns super-herzlich.

Küsschen links, Küsschen rechts. Tschü-hüß, Süße! Bis bald, Hannes! – Ich fahre die 600 Meter nach Hause. Barbara und Hannes die 400 Meter. Sie wohnen gleich um die Ecke.

Ich liebe das Landleben!